(Nicht) im Gepäck: Über mitgebrachte, zurückgelassene und neu erworbene Dinge im Kontext von Flucht und Vertreibung

Mittels biographischen Zugangs wird in diesem Forschungsvorhaben sowohl die (symbolische und identitätsstiftende) Dingbedeutung im Kontext von Flucht und Vertreibung rekonstruiert als auch die konkrete Verwendung bzw. Aneignung von Dingen im Alltag untersucht. Das Vorhaben ist einer von sechs Themenbereichen, das im Rahmen des Projektes „Mobile Dinge, Menschen und Ideen. Eine bewegte Geschichte Niederösterreichs“ bearbeitet wird.
Externe Projektleitung
PD Dr. Martha Keil (Institut für jüdische Geschichte Österreichs)
Externe MitarbeiterInnen
Mag. Dieter Bacher (Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung)
PartnerInnen
  • Institut für jüdische Geschichte Österreichs
  • Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Universität Salzburg, Standort Krems (IMAREAL)
  • Institut für Geschichte des ländlichen Raumes, St. Pölten (IGLR)
  • Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Standort Raabs an der Thaya (BIK)
  • Museumsmanagement NÖ, St. Pölten
  • MAMUZ Schloss Asparn
  • Nationale und internationale Kooperationspartner:
  • Zentrum für Migrationsforschung
  • Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften, Donau-Universität Krems
  • Institut für Ethnologie, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Projekt „Mobile Welten“, Prof. Dr. Hans Peter Hahn
  • Institut für Ethnologie und Ethnologische Sammlung, Universität Göttingen, Forschungsverbund „Materialität von Flucht und Migration“, Friedemann Neumann M.A.
Finanzierung
FTI Programm Niederösterreich
Laufzeit
01.02.2019 – 31.01.2022
Projektstatus
laufend

Gesamtprojekt: „Mobile Menschen, Dinge und Ideen“ 

Mobilität gehört zu den Grundkonstanten menschlichen Daseins. Mit Ortswechseln, egal ob freiwillig oder erzwungen, geht die Mobilität von Dingen einher. Diese wiederum sind zentraler Faktor soziokultureller Veränderungen. „Kultur“ als dynamische gesellschaftliche Kategorie und Grundlage gesellschaftlicher Identität wird erst durch den Fokus auf Mobilität verständlich. Das Projekt untersucht diese Dynamiken in insgesamt sechs Zeitschnitten von über 7000 Jahren mittels Objekten u.a. aus den Landessammlungen sowie institutioneller Sammlungen auf dem Gebiet des heutigen Niederösterreichs. Den gemeinsamen Objektpool aller Themenbereich bildet der „mobile Hausrat“. Es wird danach gefragt, inwieweit sich Dinge als Katalysatoren von welchen kulturellen Veränderungen festmachen lassen. Darüber hinaus wird analysiert, welche Bedeutungsverschiebungen in Bezug auf Mensch-Ding-Beziehungen mit Mobilität einhergehen. 

Themenbereich: „(Nicht) im Gepäck 1945/2015“ 

Für gewöhnlich sind die alltäglichen Dinge, mit denen wir uns umgeben, kaum hinterfragter Bestandteil unseres Lebens. Flucht und Vertreibung, stellen jedoch Ereignisse dar, die die Selbstverständlichkeit unserer Menschen-Ding-Beziehungen ins Wanken bringen. Der   Themenbereich analysiert, welche Bedeutung die mitgebrachten, zurückgelassenen und neu erworbenen Dinge des Hausrats im Migrationsprozess hatten und haben. Neben dem symbolischen bzw. identitätsstiftenden Charakter von Dingen liegt der Fokus auf dem konkreten Umgang mit Dingen: Inwieweit wurden und werden Dinge verwendet, um das alltägliche Leben neu zu gestalten, v.a. um materielle Gewohnheiten wiederherzustellen? Wie wurden und werden Dinge benutzt, um sich im neuen sozialen Kontext zu positionieren, aber auch um aktiv Beheimatung, Kontinuität und soziale Einbindung herzustellen? Darüber hinaus interessiert der Wandel bzw. die Konstanz von Dingbedeutungen und Verwendungspraktiken von Objekten im Zeitvergleich 1945/55 und heute. Dazu werden zwei zeitlich auseinanderliegende Fluchtbewegungen analysiert: Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei und aktuelle Fluchtbewegungen rund um das Jahr 2015. Zu beiden Fluchtbewegungen gibt es in den niederösterreichischen Sammlungen relevante Bestände bzw. Objekte. Diese dienen als Ausgangspunkt für die geplante Untersuchung. 

Relevanz

Da Dinge untrennbar mit der soziokulturellen Identität der Menschen verbunden sind, bietet die Erforschung der materiellen Dimension von Flucht und Vertreibung eine neue Perspektive auf Erlebens- und Gefühlswelten betroffener Menschen. Der gewählte Zugang ermöglicht es zudem, Strategien der Aneignung und des Sich-vor-Ort-Einrichtens sichtbar zu machen. 
Unser Vorhaben bietet auch die Chance, die bisherigen Sammlungs-Bestände mittels kontextualisiertem Objektwissen entsprechend zu vertiefen. Im Besten Fall können neue Objekte für die Sammlung generiert werden. Das Projekt kann dadurch einen Beitrag zur Sichtbarmachtung von Fluchtgeschichten und zugleich zur Sensibilisierung gegenüber dem Thema im musealen (breitenwirksamen) Bereich leisten.

Link

Website des Gesamtprojekts Mobile Dinge